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Wilhelm Ellenberger

Der am 28. März 1848 geborene Veterinäranatom und -physiologe Wilhelm Ellenberger ist einer der namhaftesten Vertreter der deutschen Tiermedizin. Die Spuren seines Wirkens sind bis heute sichtbar. In einer Zeit, da die deutsche Hochschullandschaft unter Sparzwängen ächzt und manche Studienfächer unter einer Studierendenflut unterzugehen drohen, kann es nützlich sein, den Blick in die Vergangenheit zu richten. Dort sehen wir Wilhelm Ellenberger als einen herausragenden akademischen Lehrer und Forscher, dessen hochschulpolitisches Agieren auch in einer unvergleichlich schwierigeren Zeit, während des ersten Weltkrieges und in der Weltwirtschaftskrise, reiche Früchte trug.


Der Geburtsort Ellenbergers ist Beiseförth im damaligen Regierungsbezirk Kassel. Nach dem Schulbesuch in Kassel studierte er Tierheilkunde in Berlin und Wien. Seine Interessen waren von Anfang an auf eine akademische Laufbahn gerichtet. So ergänzte er seine Ausbildung durch medizinische und naturwissenschaftliche Studien an verschiedenen Universitäten, u.a. bei dem bekannten Physiologen Carl Ludwig in Leipzig. Nach einer kurzen Phase des Sammelns praktisch-tierärztlicher Erfahrungen, u.a. als Kreistierarzt des Kreises Biedenkopf, trat er in das Veterinär-Anatomische Institut der Tierarzneischule Berlin ein. Im Jahre 1879 wurde Wilhelm Ellenberger mit 31 Jahren zum Professor für Physiologie und Histologie an die Tierarzneischule zu Dresden berufen. In den folgenden 44 Jahren bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand 1923 vollbrachte er eine eine Arbeitsleistung, die an Umfang, wissenschaftlichem Niveau und Vielseitigkeit Ihresgleichen sucht. Seine Zeitgenossen und Weggefährten schilderten Ellenberger als einen liebenswürdigen, herzensguten Menschen, der aus konservativen und christlich geprägten Tugenden lebte, der Enttäuschungen und Unhöflichkeiten nicht mit Zorn quittierte, sondern stets den sachlichen Ausgleich suchte. Diese Eigenschaften machten ihn zu einem erfolgreichen Anwalt hochschulpolitischer Interessen in Verhandlungen mit der sächsischen Landesregierung, dem Landtag und der Stadt Dresden.


Um die Entwicklung der tiermedizinischen Ausbildung in Sachsen hat sich Wilhelm Ellenberger in ganz besonderer Weise verdient gemacht. Seinem Bemühen war es vorrangig zu verdanken, dass die ehemalige Tierarzneischule 1889 zur Königlichen Tierärztlichen Hochschule zu Dresden erhoben wurde. 1903 wurde er durch den sächsischen König zu deren Rektor ernannt und noch im gleichen Jahr trat die von ihm mit Zähigkeit und guten Argumenten durchgesetzte Habilitationsordnung in Kraft. Schon im Jahre 1902 erreichte er, dass die Reifeprüfung Zulassungsvoraussetzung für das Studium der Tiermedizin wurde. Ein Meilenstein bei der Etablierung der Tiermedizin im Konzert der akademischen Disziplinen war die von Ellenberger betriebene Einführung des Promotionsrechts für Tierärzte im Jahre 1907. Der akademische Grad des Dr. med. vet. wurde zunächst im Zusammenwirken von Tierärztlicher Hochschule Dresden und Medizinischer Fakultät der Universität Leipzig verliehen. Für Wilhelm Ellenberger war klar, dass nur die Eingliederung der Tiermedizin in eine Universität ihre wissenschaftliche Weiterentwicklung sichern kann. Die Tiermedizin hatte in seiner weitsichtigen Perspektive nur in der Nähe und im Zusammenwirken mit der Medizin, den naturwissenschaftlichen Disziplinen und der Landwirtschaft wirkliche Entfaltungsmöglichkeiten.


Mit dem Beschluss des sächsischen Landtages vom 31. März 1914, die Tiermedizin an die sächsische Landesuniversität nach Leipzig zu verlegen, sah Ellenberger seinen sehnlichsten Wunsch erfüllt. Die Umsiedlung an die Universitas literarum lipsiensis war allerdings erst nach Errichtung einer Veterinärmedizinischen Fakultät in Leipzig möglich. Auf einem von der Stadt kostenlos zur Verfügung gestellten Baugelände bagannen im Sommer 1916, mitten im ersten Weltkrieg, die Bauarbeiten. Die Kriegslage führte schon im November des gleichen Jahres zu einem allgemeinen Bauverbot und daraus resultierenden Überlegungen, eventuell auf die Ausbildung von Tierärzten in Sachsen ganz zu verzichten. Nur den vereinten Anstregungen Ellenbergers und seines Dresdener Professorenkollegiums im Zusammenwirken mit der Landesuniversität Leipzig ist es zu verdanken, dass die Bautätigkeit auch in der schwersten Zeit der Weltwirtschaftskrise fortgesetzt wurde. Im Jahre 1923 erfolgte die Übersiedlung von Dresden nach Leipzig. Ellenberger war es als 75jährigem nicht mehr vergönnt, mit nach Leipzig zu gehen. Er leitete in Dresden die Arbeiten zur Auflösung der Tierärztlichen Hochschule. Damit brachte er in seinem 76. Lebensjahr und trotz angegriffener Gesundheit ein letztes großes Opfer, indem er der Hochschule, an der er mit ganzem Herzen hing, bis zum letzten Tag ihrer Auflösung diente. Auf der Feier zur Eingliederung der Veterinärmedizin, als neue, nunmehr fünfte Fakultät der Universität Leipzig, nannte Hermann Baum, langjähriger Mitarbeiter und Freund Ellenbergers, diesen den geistigen Schöpfer der neuen Veterinärmedizinischen Fakultät. Ellenberger starb 81jährig am 5. Mai 1929 in Dresden.


Neben diesen wegbereitenden Leistungen Ellenbergers für die Etablierung der Tiermezin als gleichberechtigtes akademisches Fach, vollbrachte er ein außerordentliches wissenschaftliches Lebenswerk als Anatom und Physiologe. Davon zeugen besonders seine Buchpublikationen, unter denen das von Ellenberger und Baum gemeinsam in 9. bis 17. Auflage herausgegebene "Handbuch der vergleichenden Anatomie der Haustiere" eine herausragende Rolle spielte. Jedem deutschen Tierarzt ist dieses im Jahre 1974 nochmals als Nachdruck der 18. Auflage von 1943 erschienene Werk als der "ELLENBERGER/BAUM" ein Begriff. Kennzeichnend für die Spannbreite seiner Interessen und Begabungen ist, dass Ellenberger auch als Professor für plastische Anatomie an der Königlichen Kunstakademie in Dresden wirkte.


Das Andenken an Geheimrat Prof. Dr. phil., Dr. med. h.c., Dr. med. vet. h.c. Wilhelm Ellenberger wird an der Veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Leipzig in hohen Ehren gehalten. Als glückliche Folge der deutschen Wiedervereinigung ergab sich der persönliche Kontakt zu den Nachfahren Wilhelm Ellenbergers. Herr Dr. Gert Ellenberger sorgte mit dem von ihm großzügig ausgestatteten "Wilhelm-Ellenberger-Preis" für die beste Promotion des Jahrgangs dafür, dass die Erinnerung an das Werk seines Großonkels an der Leipziger Fakultät fortlebt.


Franz-V. Salomon